Schulsozialarbeit allein reicht nicht

Forschungsprojekt der Hochschule Esslingen zur Diskriminierung: Einheitliche Konzepte gegen Mobbing entwickeln


Zwei Jahre lang hat sich die Hochschule Esslingen gemeinsam mit dem Kreisjugendring Esslingen im Rahmen des Praxisprojekts „SalsA“ – Schulsozialarbeit als Antidiskriminierungsinstrument – mit dem Thema Diskriminierung beschäftigt.  Die Frage war: Inwiefern taugt das Instrument der Schulsozialarbeit dazu, Ausgrenzung und Mobbing an Schulen zu bekämpfen. Eines wurde in der Studie deutlich: Schulsozialarbeit allein kann nichts gegen diskriminierende Aktivitäten ausrichten. Schule und Sozialarbeiter müssen in einem gemeinsamen Konzept vorgehen.

„Wir sind oft genug nur die Feuerwehr“, stellt Björn Beyer fest. Beyer leitet die Kinder- und Jugendförderung (KiJu) in Ostfildern. Er beklagt, dass Konflikte in den Schulen häufig auf die Sozialarbeiter abgewälzt werden, es aber sonst zu wenig Zusammenarbeit gebe. Im Rahmen des Projekts sind insgesamt fast 250 Schüler sowie Lehrer, Mitglieder der Schulleitungen und Schulsozialarbeiter befragt worden. Teilnehmende Schulen waren die Grund- und die Förderschule in der Lindenschule, die Erich-Kästner-Schule, die Riegelhofschule, das Heinrich-Heine-Gymnasium sowie das Otto-Hahn-Gymnasium – allesamt in Ostfildern.

Die Untersuchung zeigte eines ganz deutlich: Was Schüler als ausgrenzend und beleidigend empfinden, ist ebenso wenig homogen wie Schulen und Lehrer mit Diskriminierungen an ihren Einrichtungen umgehen. Schüler leiden nicht nur unter den Mobbinggründen, wie sie landläufig genannt werden: nämlich fehlende Statussymbole wie Markenklamotten und Smartphone, die vermeintlich falsche Hautfarbe oder die schlecht angesehene Religionszugehörigkeit. Sie fühlen sich auch gekränkt durch unbedachte Äußerungen von Lehrern wie: „Eure Eltern haben gravierend  in der Erziehung versagt.“ Oder sie empfinden Kollektivbestrafungen als ungerecht und herabwürdigend.

Schulen und Lehrer hingegen reagieren nach den Ergebnissen der Forschungsgruppe individuell und nicht vorhersehbar auf das Problem der Ausgrenzung. Und es gebe wenig oder eine schlecht koordinierte Zusammenarbeit zwischen Schule und Schulsozialarbeit.

Diese fehlende Kommunikation, Kooperation und Transparenz sahen auch die beiden Professorinnen Regina Morys und Bettina Müller von der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege als eines der Hauptprobleme an. Müller fordert: „Schulen müssen Konzepte gegen Ausgrenzung entwickeln, sie müssen sich verlässliche Statuten geben und ihr Profil schärfen im Kampf gegen Diskriminierung.“  Konflikte müssen nachhaltig gelöst werden, betonte Morys. Nach den Erkenntnissen aus  dem Projekt resultierten Konflikte am Gymnasium aus der Grundschulzeit.

Für Müller und Morys war es auch wichtig zu klären, wo Schule selbst an Diskriminierung beteiligt ist. Lehrer müssten sensibilisiert, geschult und damit  in ihren Kompetenzen gestärkt werden. Auch Klassensprecher sollten qualifiziert werden.

Für die Schüler bedeute dies, dass sie genau wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie Mobbing beobachten oder selbst Opfer werden. „Transparenz“ forderte Müller. Schüler benötigten ein klar definiertes Beschwerdemanagement. Das sagt auch Marc Holland-Cunz, der wissenschaftliche Projektmitarbeiter an der Hochschule: „Das Projekt zeigt die alltägliche Relevanz des Themas an den Schulen. Denn auch abseits von aktuellen Debatten, etwa zur Inklusions- oder Fluchtthematik, wünschen sich Kinder und Jugendliche, dass Diskriminierungen verhindert und verlässlich bearbeitet werden.“

Bei der Untersuchung stand die Frage im Fokus, wie der Schutz vor Diskriminierung in Schulen gestärkt werden kann und welche Rolle dabei der Schulsozialarbeit zukommt. „Schulsozialarbeit ist ein wichtiges  Instrument in diesem Bereich, kann aber allein nichts ausrichten“, sagt Björn Beyer. Schulsozialarbeit und schulische Konzepte müssen daher aufeinander abgestimmt werden.
Beyer: „Dann ist auch die Schulsozialarbeit keine Feuerwehr mehr, sondern kann in präventiver  Arbeit Klassenfindung und Klassenstärkung betreiben.“

Doreen Löwenberg, die Schulsozialarbeiterin am Otto-Hahn-Gymnasium in Nellingen, wollte mit Illusionen aufräumen. Mehr Feingefühl und realistischere Vorstellungen über das Funktionieren der Sozialarbeit wünscht sie sich. „Dazu gehört auch, dass ausreichend Stellen an den Schulen eingerichtet werden“, so Löwenberg. Sie arbeitet nun zu 50 Prozent am Otto-Hahn-Gymnasium mit seinen 950 Schülern. Davor war sie nur zu 25 Prozent beschäftigt.

Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg hat SalsA mit 130 000 Euro gefördert. Neben dem Kreisjugendring Esslingen und der KiJu als Träger der Schulsozialarbeit vor Ort waren die Stadt Ostfildern, das Jugendamt im Landkreis Esslingen sowie das Staatliche Schulamt Nürtingen weitere Kooperationspartner.               bob / Foto: bob


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