Unterschiedliche Interpretationen

Das Lärmgutachten zur geplanten Abflugroute am Flughafen sollte den Streit zwischen den Kommunen befrieden

Die Rathauschefs im Landkreis Esslingen bewerten die Ergebnisse des unabhängigen Lärmgutachtens, das vergangene Woche in der Fluglärmkommission für den Flughafen Stuttgart vorgestellt worden ist, unterschiedlich. Der Gutachter Markus Petz vom Büro Accon hatte die Expertise zur neuen geplanten Abflugroute erläutert. Ostfilderns Oberbürgermeister Christof Bolay, der in der Sitzung für zwei weitere Jahre in seinem Amt als Vorsitzender der Fluglärmkommission bestätigt wurde, lobte die konstruktive Atmosphäre während der Diskussionen.
Entschieden wird über die neue Route erst am 4. Juli. Das liegt daran, dass diese nun bei Simulationsflügen getestet wird. Wegen der Coronapandemie und des Kriegs in der Ukraine seien die Kapazitäten im Simulator jedoch knapp, hieß es. Bolay hatte sich für einen einjährigen Probebetrieb ausgesprochen, der evaluiert werden soll. „Das haben wir uns in Düsseldorf abgeschaut, dort wurde die neue Route im Probebetrieb getestet.“ Außerdem sprach er sich dafür aus, die Flüge über den neuen Wegpunkt „Tedgo“ in Richtung Süden auf zwei pro Stunde zu deckeln.
Neu als feste Mitglieder in der Fluglärmkommission sind die Gemeinden Altbach und Deizisau. „Unsere Gemeinde ist extrem vom Fluglärm belastet“, sagte Altbachs Bürgermeister Martin Funk. Auch der Bahnlärm und der Lärm von der Bundesstraße belasteten die Kommune schwer. „Es ist längst überfällig, dass unsere Stimme gehört wird“, sagte Funk. Ähnlich äußerte sich Deizisaus Bürgermeister Thomas Matrohs. Beide Bürgermeister betonten, in der Sitzung seien keine Fragen offen geblieben. Sie erhoffen sich durch die neue Route mehr Gerechtigkeit bei der Verteilung der Belastungen.
Matrohs zeigte sich verärgert über den Aufschrei seiner Bürgermeisterkollegen auf den Fildern und in Nürtingen. Auch die Proteste der Bürgerinitiativen könne er nicht nachvollziehen, nachdem das Gutachten nun ergeben habe, dass die Verschiebungen „minimal“ seien. Matrohs ist froh, dass die Neckartalkommunen nun in der Fluglärmkommission vertreten sind: „Ich möchte aber die Belange aller betroffenen Städte und Gemeinden im Blick behalten.“
Klar gegen die neue Route spricht sich Neuhausens Bürgermeister Ingo Hacker aus. „Nach wie vor bin ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus Nürtingen, Wolfschlugen, Denkendorf, Köngen, Waldenbuch, Aichtal und allen anderen neu betroffenen Kommunen gegen eine Verlegung der Flugroute, da ‚Tedgo’ viele Menschen zusätzlich mit Lärm belasten würde.“ Hacker findet es gut, „dass wir nun ausreichend Zeit haben, um in den Gremien und der Bürgerschaft das Lärmgutachten öffentlich zu diskutieren“. In Neuhausen wird das Gutachten in der Gemeinderatssitzung am 12. April öffentlich vorgestellt. Neuhausen hat die neuen Wohngebiete Akademiegärten und Östliche Ziegelei bewusst abseits des damaligen Lärmkorridors geplant. Das bringt die Kommunalpolitiker jetzt in Schwierigkeiten.
Viele offene Fragen haben auch die Bürgermeister Otto Ruppaner aus Köngen und Ralf Barth aus Denkendorf. „Mir ist die Motivation für die Routenänderung nach Vorlage des Gutachtens nicht mehr ganz klar“, sagte Otto Ruppaner. Die Expertise habe klar ergeben, dass sich die Verschiebungen im Promillebereich bewegen: „Weshalb braucht man dann überhaupt eine so aufwendige Routenänderung?“ Ralf Barth sieht das ebenso: „Es kommen viele neu Betroffene dazu.“ Barth hält die nun anstehenden Flüge im Simulator für unverzichtbar, um das Thema abschließend beurteilen zu können. Denn je nach der Variante, die umgesetzt wird, wäre Denkendorf unterschiedlich stark betroffen. „Offen sind weiter die Fragen hinsichtlich der Flugsicherheit, also der Abweichung von ICAO-Vorschriften.“ Hierzu liegen aus Sicht des Nürtinger Oberbürgermeisters Johannes Fridrich – entgegen der ursprünglichen Ankündigung – noch keine Ergebnisse vor. Aus Fridrichs Sicht scheiden Fluglärm und Klimaschutz nun als Gründe für die Routenänderung aus.

eli / Foto: Horst Rudel


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