Verfallen, verschüttet, vergessen

Denkmalpflege beschäftigt sich mit vergessenen Burgen im Landkreis Esslingen – Last der Unterhaltskosten

Verfallen, verschuettet, vergessen

Baden-Württemberg ist das Bundesland mit den meisten Burgen. Die Teck, der Hohenneuffen, der Reußenstein – im Landkreis Esslingen kennt jedes Kind diese Burgen und die Geschichten, die sich um sie ranken. Doch es gibt noch viel mehr Burgen: Solche, von denen nur noch das Fundament steht, die Mauern überwuchert sind und an die niemand mehr denkt. Bei einem Kolloquium zur Burgendenkmalpflege, das kürzlich in Esslingen stattgefunden hat, sprachen die Teilnehmer auch über vergessene Burgen.

Und davon gibt es auch im Landkreis Esslingen nicht wenige. Die Körschburg bei Deizisau, die Burg Mannberg bei Dettingen oder die Burg Schanbach – und das sind längst nicht alle. In einem Vortrag zum Abschluss der Tagung hat sich Kreisarchivar Manfred Waßner mit diesen vergessenen Burgen beschäftigt. Er hat nicht weniger als rund 80 Burganlagen im Kreisgebiet  ausgemacht. Bei einer Fläche von rund 640 Quadratkilometern war das Gebiet des heutigen Landkreises zwischen Schönbuch und Schurwald, Fildern und Albtrauf wohl schon im Mittelalter dicht besiedelt.

Waßners Beobachtung: Viele Adelssitze waren Höhenburgen. „Am Albtrauf reihen sich die Burgen wie Perlen an einer Schnur, im Albvorland und auf den Fildern sitzen die Burgen innerhalb von Ortschaften oder an ihrem Rand.“

Doch was ist überhaupt eine Burg? Was macht einen Wohnsitz dazu? Waßner erklärt es so: „Eine Burg ist Stein gewordene Herrschaft, ein Wohnsitz, an dem Rechte haften.“ So lange von einer Burg Rechte abzuleiten waren, so lange war der Herrschaftssitz in Betrieb und damit nicht vergessen. Bei einem Wegfall dieser Rechte konnte es allerdings ganz schnell gehen.

So wie bei der Körschburg, von der heute kaum noch jemand weiß. Sie lag an der Wegkreuzung zweier bedeutender Straßen; die eine von Esslingen kommend auf der linken Seite des Neckars und die andere, die auf die Fildern führte. Heute ist das die Kreuzung, bei der die Kreisstraße 1215 auf die Körschtalstraße trifft, die Deizisau mit Denkendorf verbindet. Im frühen Mittelalter war die Wegkreuzung ein wichtiger Knotenpunkt. So wichtig, dass die Herren von Kersse – ein alter Name für Körsch – dort im zwölften Jahrhundert ihren Sitz errichteten und in der Folge ein gutes Geschäft mit Wegzöllen machten.

Diephold von Kersse und seinen Nachfahren ging es einige Jahre wohl recht gut. Dafür spricht auch, dass der Landsitz ein Steingebäude gewesen sein muss. Allerdings hatten die Kersses viel Konkurrenz: Da gab es die Grafen von Württemberg, die Freie Reichsstadt Esslingen oder auch die Herren vom Kloster Denkendorf. Als dann ausgangs des 13. Jahrhunderts die Pliensaubrücke in Esslingen gebaut wurde und Reisende in der Folge auch andere Wege über den Neckar nehmen konnten, wurde es an der Körschburg immer ruhiger. Das Geschäft blieb aus, die Kersses hatten Einnahmeeinbußen und so verlegten die Herren sich darauf, immer wieder das Kloster Sirnau zu bedrängen und auszurauben. So lange bis die Nonnen in die Stadt Esslingen zogen – in die heutige Sirnauer Straße, wo noch ein Teil der Klostermauer steht. Schließlich wurde es den Esslingern zu bunt. Sie zerstörten die Körschburg gründlich und nachhaltig, indem sie durch tiefes Untergraben der Ringmauern das Gemäuer einebneten und einen Wiederaufbau unmöglich machten. Die Herren von Kersse zogen auf die Burg Aichelberg, wo ein Zweig der Familie lebte. Viele Spuren und Hinweise auf den Burgbezirk an der Körschmündung hat es laut Waßner nicht gegeben. Schon gar nicht nach der Zerstörung. Aber das Gewann an der Kreuzung heißt noch Burgstallrain und gehört heute zu Denkendorf. In Deizisau erinnert lediglich das Gasthaus Zur Körschburg an den ehemaligen Herrschaftssitz.

Noch weniger als über die Körschburg ist über die Burg in Plattenhardt bekannt. Oben im Weilerhau, an der Schönbuchkante gelegen, gibt es eine eingeebnete Stelle, um die Reste von Ringgräben führen.  Vermutet wird, dass es sich um den Besitz der Herren von Bernhausen  handelte. Waßner spricht von der „einzigen bekannten und nicht überbauten Burg auf den Fildern“. Er hält die Anlage für einen wertvollen Schatz, zumal die Strukturen im Boden unbeschädigt sein dürften. Immerhin erinnert ein Schild am Historischen Rundwanderweg in Plattenhardt an die ehemalige Burg.

Insgesamt hat Waßner festgestellt, dass Burgen im Gebiet des ehemaligen Landkreises Nürtingen recht gut erforscht sind.

Viele der Burgen am Albtrauf – Teck, Sulzburg, Rauber, Sperbers­eck, Reußenstein, Hohenneuffen oder auch der Wielandstein – sind erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich, ihrem Verfall wird entgegengearbeitet.

Ganz anders sieht es auf den Fildern, im Gebiet Esslingen und auf dem Schurwald aus. Waßner sieht im hohen Siedlungsdruck den Grund für ein schnelles Überbauen oder Abbrechen alter Burganlagen.  So ist von der ehemals großen Burganlage in Aichtal-Grötzingen nichts mehr übrig. Auf dem Schurwald gibt es keine Spuren der Burg Schanbach. Und die Esslinger Burg ist nur eine dem Namen nach. Die Annalen berichten von einer Wasserburg in Kennenburg und einer durchaus bedeutenden Burg an der Stelle des heutige Salemer Pfleghofs. Ähnlich heterogen wie die Forschung sind die Besitzverhältnisse. Manche Burgen gehören dem Land, andere dem Kreis, der Kirche oder Vereinen. So liegen die Reste der Plattenhardter Burg auf Privatgelände, der Schwäbische Albverein Kirchheim muss sich mit der Renovierung der Teck herumschlagen und die Gemeinde Lenningen hat die Unterhaltslast des Wielandsteins zu tragen. Den Reußenstein renoviert wiederum der Landkreis, um den Hohenneuffen kümmert sich das Land.                bob / Foto: pst

 

Info: Seit 2001 arbeitet das Kreisarchiv Esslingen zusammen mit dem Landesdenkmalamt sowie mit den Gemeinden und Städten im Kreis an einer Dokumentation und Inventarisierung der Burgen im Kreis. Dieses Burgstellenprojekt soll im nächsten Jahr veröffentlicht werden.


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