Vernunftehe statt Liebesheirat

„Ohne Freude unterschrieben“ – Lenningen ist zusammengewachsen – Die Identität der Orte bleibt bewahrt

Von Freudentaumel konnte keine Rede sein, als sich die Einwohner von Schopfloch, Gutenberg, Oberlenningen mit Schlattstall und Hochwang sowie Unterlenningen und Brucken im Januar 1975 als Bürger der Gemeinde Lenningen wiederfanden. Lange Verhandlungen, geprägt von Abwehr und Ängsten, Misstrauen und Zugeständnissen, Liebäugeln mit kühnen Gegenentwürfen und achselzuckendem Pragmatismus gingen der Vereinigung voraus. „Es gab Sorgen und Verlustängste. Das ist überwunden. Aber eine Liebesheirat war das damals ganz sicher nicht“, sagt Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht.

Gerhard Schneider, Schlechts Vorgänger im Amt und bis 1974 Bürgermeister der Gemeinde Oberlenningen, erinnert sich an so manche holprige Strecke auf dem Weg zur Vereinigung. Während sich das kleine Dorf Schlattstall bereits 1971 freiwillig der Gemeinde Oberlenningen angeschlossen hatte, war in den anderen Orten Zurückhaltung oder Ablehnung spürbar. Im Jahr 1972 hatte Schneider den Gemeinden Erkenbrechtsweiler, Gutenberg, Schopfloch und Unterlenningen Verhandlungen über eine Verwaltungsgemeinschaft oder aber die Eingemeindung vorgeschlagen.

„Gutenberg hat gleich rundweg abgelehnt und auch Schopfloch wollte selbstständig bleiben“, erzählt Schneider. Unterlenningen sperrte sich nicht gänzlich, blieb jedoch zunächst skeptisch. „Es gab Befürchtungen, dass man nach dem Zusammenschluss abgehängt wird und das ganze Geld nach Oberlenningen geht“, erzählt Schneider.

Erkenbrechtsweiler entschied  sich für die Eigenständigkeit, stimmte aber einem Verwaltungsverband mit Owen und Lenningen zu. Gutenberg fügte sich in das Unvermeidliche, auch beruhigt durch die geplante Hauptsatzung der künftigen Gemeinde Lenningen, die eigene Ortschaftsverfassungen und Verwaltungen für Gutenberg und Schopfloch sowie eine gleichmäßige politische Vertretung im Gemeinderat durch unechte Teil­ortswahlen bestimmte. „Das war
die Brücke“, beschreibt Michael Schlecht. So stimmten die Gemeinden bis auf Schopfloch nach Bürgeranhörungen im Januar 1974 der Vereinigung zu.

Schopfloch hingegen, das allein wirtschaftlich nicht überlebensfähig gewesen wäre, tendierte zu einer Vereinigung mit Ochsenwang, das wiederum bereits mit einer Eingemeindung nach Kirchheim geliebäugelt hatte. „Das konnte sich Schopfloch auch gut vorstellen und die waren sich alle drei schon ziemlich einig“, erinnert sich Schneider. Dann aber legten das Regierungspräsidium und auch die Gemeinde Bissingen ihr Veto ein. „Bissingen wäre sonst unweigerlich auch nach Kirchheim gekommen. Das wollten die aber unbedingt vermeiden“, sagt Schneider. Somit blieb Schopfloch nur der Weg nach Lenningen und stimmte fünf Monate nach den anderen Gemeinden ebenfalls der Vereinigung zu. „Die Vernunft hat in Schopfloch obsiegt. Sie haben unterschrieben, aber sicher nicht mit großer Freude“, sagt Schneider.

„Zum Feiern war aber damals niemandem zumute“, erinnert er sich. Allerdings habe es nur wenige Jahre gedauert, das anfängliche Misstrauen zu überwinden. „Es hat sich alles relativ schnell beruhigt, nachdem die kleinen Orte bemerkt haben, dass nicht alles in Oberlenningen investiert wird. Alle haben gesehen, dass sachlich und fachlich entschieden wurde“, sagt Schneider. So sei schließlich mit der Zeit jeder der Orte zu einer Halle und zu Sportanlagen gekommen, Ortskernsanierungen wurden in Angriff genommen, die Infrastruktur modernisiert.

Für Michael Schlecht stellt dies das richtige Vorgehen dar. „Sieben bleiben, eins werden, das ist eine große Herausforderung“, sagt er. Heutzutage sei die Einheit von Lenningen für die Menschen normal. Aber dies sei nur gelungen, weil die Identität der einzelnen Orte gewahrt blieb und die Menschen dort weiterhin ihre Heimat sähen: „Wenn sich die Menschen mit ihrem Ort nicht identifizieren und sich dort nicht engagieren, ist der ländliche Raum nicht überlebensfähig.“ Die dafür notwendige Infrastruktur sei jedoch nur zu schultern, „weil wir eine Einheit sind und als eine Gemeinde handeln“, sagt Schlecht. Dafür müssten im Zweifelsfall auch einmal Einzelinteressen zurückstehen. „Aber die Menschen spüren, dass es etwas gebracht hat.“   pst


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