Vollgas auf neuer Strecke

Zwischen Wendlingen und Ulm rollen Züge nun mit bis zu 250 km/h – Stuttgarter Tiefbahnhof erst in drei Jahren fertig

Die Bahn spricht von einem neuen Kapitel, das mit der Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm aufgeschlagen worden sei. Mit viel Brimborium ist die Strecke am vergangenen Wochenende – mit dem Fahrplanwechsel – eröffnet worden, nun rollen die Züge mit Vollgas über die Schienen. Allerdings: Das ganze Buch zum Bahnprojekt Stuttgart-Ulm ist noch lange nicht fertig. Denn erst in drei Jahren wird nach dem bisher gültigen Zeitplan der neue Stuttgarter Tiefbahnhof im Rahmen von Stuttgart 21 fertiggestellt. Und selbst dann werden Teile des Rekordprojekts noch nicht umgesetzt sein.
Bereits jetzt aber soll zwischen Wendlingen und Ulm ein Teil des Versprechens eingelöst werden, das Land, Bahn, Region und Stadt Stuttgart beim S-21-Baubeginn im Jahr 2010 gegeben haben: Mit der Schnellfahrstrecke werden Fahrzeiten teils deutlich verkürzt. „60 Kilometer Strecke mit elf Tunneln und 37 Brücken in nur zehn Jahren zu bauen, ist eine großartige Leistung“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei der Inbetriebnahme. „Mit der neuen Schnellfahrstrecke Wendlingen-Ulm werden völlig neue Verbindungen möglich“, wirbt Bahn-Infrastrukturvorstand Berthold Huber. „Die Fahrzeitverkürzungen gehen deutlich über Stuttgart und Ulm hinaus.“
Profitieren werden etwa Zugreisende zwischen Ulm und Wendlingen. Hier verkehren künftig stündlich Regionalverkehrszüge – über die neue Filstalbrücke, mit Tempo 200 und mit Halt am neuen Bahnhof Merklingen. Zwischen Tübingen, Reutlingen und Ulm verkürzt sich die Fahrzeit über die Neubaustrecke um bis zu 40 Minuten. In beide Richtungen fährt außerdem einmal pro Stunde ein ICE über die Neubaustrecke. Mit ihr gibt es laut Bahn ein verbessertes tägliches Angebot zwischen Stuttgart und München um rund 20 auf 90 Fahrten. Über die neue, recht steile Strecke können Züge bis zu 250 Kilometer je Stunde schnell unterwegs sein. Baustart war 2012. Die Kosten betrugen nach Angaben der Deutschen Bahn knapp vier Milliarden Euro.
Wermutstropfen: Die Trasse deckt nur einen Teil der geplanten Strecke zwischen Stuttgart und Ulm ab. Je nach Fahrtrichtung wird vor oder hinter Wendlingen erst mal noch oder wieder gebremst. Wegen der hohen Streckenbelastung zwischen Wendlingen, Plochingen und Stuttgart können die Regionalzüge laut Bahn nicht direkt nach Stuttgart geleitet werden. In Wendlingen heißt es also „Umsteigen“ für Reisende im Regionalverkehr, sie müssen mit der Neckar-Alb-Bahn weiter. Der Fernverkehr fährt neben der neuen Trasse nach wie vor auch über die bisherige Strecke via Geislingen und Göppingen durch das Filstal.
Zum Auftakt hat es allerdings auf der neuen Strecke Probleme gegeben, eine technische Panne führte zu erheblichen Verzögerungen. Teils mussten Züge Richtung Stuttgart zurück nach Ulm geführt und über die alte, langsamere Strecke über die Alb geleitet werden.
Mit dem Start der Neubaustrecke, die teilweise parallel der Autobahn 8 verläuft, verkürzt sich die Reisezeit im Regionalverkehr zwischen Ulm und Stuttgart zunächst um vier bis sieben Minuten. ICE-Züge brauchen laut Bahn auf dieser Strecke dann rund 15 Minuten weniger. Erstmalig wird zudem der neue Regionalhalt Merklingen angesteuert. Wird schließlich auch der Stuttgarter Tiefbahnhof in Betrieb genommen, soll die Fahrzeit zwischen Stuttgart und Ulm insgesamt rund eine halbe Stunde kürzer sein.
Die Inbetriebnahme des Tiefbahnhofs samt unterirdischer Anbindung an den Flughafen ist für das Jahr 2025 geplant. Doch auch damit ist das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm noch nicht vollendet: Der Filderbahnhof wird wohl frühestens 2027 fertig. Und dann gibt es noch abseits von S 21 die Diskussionen um die Anbindung der Gäubahn über den Pfaffensteigtunnel. Diese wird noch weitere Jahre dauern.
Stuttgart 21 kostet mehr als neun Milliarden Euro. Im Finanzierungsvertrag waren im Jahr 2009 noch 4,5 Milliarden Euro festgelegt worden. 1995 hatten Bahn, Bund, Land und Stadt die Kosten sogar bei „nur“ rund 2,6 Milliarden Euro veranschlagt.

dpa/hin / Foto: DB AG/Volker Emersleben


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