Wenn Dinge über das Leben herrschen

Projekt WABE des Kreisdiakonieverbands arbeitet mit „Messies“ – Syndrom keine anerkannte Krankheit – Erhalt der Wohnung im Zentrum

Wenn Dinge über das Leben herrschen

Allgemein werden sie Messies genannt – Menschen, die in sehr unordentlichen und vollgestopften Wohnungen leben. Doch Messies haben weit mehr Probleme, als nicht aufräumen zu können. Das Entrümpeln einer Wohnung nützt wenig, „entrümpeln“ muss der Mensch auch innerlich, denn Messies haben oft auch psychische Probleme. Der Kreisdiakonieverband Esslingen (KDV) ist einer der ganz wenigen Träger von Hilfsprojekten für Messies. Wohnraumarbeit mit Menschen in desorganisierten Haushalten, kurz WABE, heißt das kostenlose Angebot, das helfen soll, Struktur in das Leben der Betroffenen zu bringen.

Das Projekt ist 2015 mit einer Anschub-Finanzierung durch die Kreissparkasse und die Aktion Mensch gestartet, zum zweiten Jahr, das seit dem 1. Februar läuft, ist der Landkreis eingestiegen. Rund 80 bis 100 Haushalte im Kreis Esslingen leiden nach Schätzung von KDV-Geschäftsführer Bernd Haußmann unter dem Syndrom. Dabei handelt es sich meistens um den klassischen Horter. In der allgemeinen Wahrnehmung wird das Verhalten mit dem Vermüllungssyndrom gleichgesetzt. Experten trennen strikt. Messies – im Englischen heißt das Syndrom Compulsive Hoarting, – sammeln Dinge, beim Vermüllungssyndrom kommt ein hygienisches Problem hinzu. Letzteres geht immer mit einem Drogen- oder Alkoholproblem oder einer Demenzerkrankung einher. WABE spricht von „Menschen in desorganisierten Haushalten“.

Auf dem Tisch stapeln sich Zeitungen, Bücher türmen sich auf dem Boden im Flur auf, machen den Durchgang eng. Schränke stehen vor anderen Möbeln, Fenster sind zugestellt. Die Bewohner müssen sich auf Zehenspitzen in der Wohnung bewegen, über Stapel klettern, sich durch Gassen schlängeln.

„Wer so lebt, dem ist schon viel über den Kopf gewachsen“, sagt Monika Moll, eine der Projektmitarbeiterinnen von WABE. Die Folgen dieses Wohnens sind sozialer Rückzug, Einladungen werden abgelehnt, weil man keine Gegeneinladung aussprechen will. Wird die Heizung abgelesen, bedeutet das Stress. Irgendwann schalten sich Nachbarn oder der Vermieter ein. Zwanghaftes Sammeln kann über Hygieneschwäche bis zur Vermüllung führen. Dann droht die Kündigung. Sozialdienste, aber auch Betroffene selbst, wenden sich dann an WABE.

Das wichtigste Ziel bei WABE ist immer, dass die Bewohner in ihren Häusern und Wohnungen bleiben können, und dass sie lernen, mit ihrem Problem umzugehen. „Die Menschen werden komplett von den Dingen um sie herum dominiert“, erklärt Moll, „sie haben keinen Zugriff mehr auf ihr Leben.“

In vielen Fällen seien es Begebenheiten in der Kindheit, die einen Menschen zum Messie werden ließen, erklärt Moll. Entweder gab es eine zu strenge und beengende Struktur, oder das Kind erhielt wenig Beachtung und wurde sich selbst überlassen. Es gibt aber auch häufig den einen Auslöser, eine traumatische Begebenheit, die ein solches Verhalten auslösen kann: Scheidung, Trennung, Tod der Eltern. Moll berichtet von eine Frau, die nach dem Tod der Eltern deren gesamten Haushalt mitnahm und bei sich aufbewahrte.

Um wieder menschenwürdig zu leben, musste die Frau lernen, dass sie elterliche Hinterlassenschaften wegwerfen kann und dennoch nicht das Andenken an Vater und Mutter verletzt. „Ein langsamer und schrittweiser Prozess“, sagt Moll. Eine andere Frau berichtete von ihrer Kindheit, die sie überwiegend einsam und unbeachtet verbracht hatte. Die Dinge um sie herum ersetzten ihr das vermisste Umfeld, oder wie es die Betroffene formulierte: „Die Sachen in meiner Wohnung können mich nicht verlassen.“

Moll sieht eine gestörte Wertbeimessungsfähigkeit als Grundlage für das Verhalten. „Man kann nicht mehr entscheiden, was ist nützlich, was nicht.“ Die Entscheidung werde nicht getroffen und alles bleibt unerledigt und liegen. Das führe dazu, dass den „Dingen mehr Wert beigemessen wird, als der eigenen Person“. Die Sachen, die aufbewahrt werden und die sich in den Wohnungen türmen, stehen immer für etwas, das den Menschen um sie herum fehlt: Struktur, Geborgenheit und Selbstwertgefühl.

In den Begleitungen, die WABE anbietet, liegt der Fokus darauf, eine vertrauensvolle Beziehung zu den Menschen aufzubauen. Ihnen ihre Würde zurückzugeben. „Mit dem Wegwerfen von Dingen ist es nicht getan“, sagt Moll. Über einen Zeitraum von etwa einem Jahr lernen die Klienten, Dinge um sie herum neu zu bewerten und sie auch loszulassen. Sie lernen regelmäßiges Aufräumen und das Sauberhalten des Haushalts. Die WABE-Nachbetreuung hilft dabei.

Monika Moll und ihre Kollegin Heike Blankenhorn-Frick betonen gleichzeitig: „Wir machen In-House-Beratungen, aber als Sozialpädagoginnen therapieren wir nicht.“

Veronika Schröter ist eine der wenigen Therapeuten in Deutschland, die sich mit Messie-Therapien befassen. In Kürze wird sie das neue Kompetenzzentrum Messie-Syndrom in Stuttgart eröffnen. Schröter, die Messie-Therapeuten ausbildet und auch die Supervision für die beiden WABE-Mitarbeiterinnen Moll und Blankenhorn-Frick übernommen hat, beklagt vor allem, dass das Messie-Syndrom in Deutschland keine anerkannte Krankheit ist. Im Gegensatz zu den USA und England.

Das bedeutet, dass eine Therapie auch privat gezahlt werden muss. Gemeinsam mit der Universität Tübingen hat sie eine Studie zum Messie-Syndrom durchgeführt. Die Annahme, das Syndrom gehe immer mit einer anderen psychischen Störung wie einer Depression einher, sollte überprüft werden. Ein erstes Ergebnis der Studie zeigt laut Schröter, dass mehr als 20 Prozent aller Messie-Syndrome solitär auftreten.

Für die Psychotherapeutin Schröter ein starkes Argument dafür, Messies als Kranke zu betrachten. Für Schröter sind eine Therapie und die Wohnraumbegleitung, so wie WABE es praktiziert, das richtige Konzept.             bob

Info: WABE-Wohnraumarbeit: t 0 71 53/ 92 20-0, www.messie-kompetenzzentrum.com.

Foto: KDV


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