Zeit zuzuhören

Telefonseelsorge in Stuttgart sucht Ehrenamtliche – Intensive Schulungen – Oft erste Anlaufstelle

Nicht mehr weiterwissen, mit irgendjemandem sprechen, Einsamkeit und die Hoffnungslosigkeit durchbrechen – es gibt viele Gründe, warum Menschen die Nummer der Telefonseelsorge Stuttgart wählen. So viele Gründe, dass die Einrichtung weitere Ehrenamtliche als Mitarbeiter sucht.

170 Männer und Frauen leisten bei der evangelischen und der katholischen Telefonseelsorgestelle in Stuttgart ehrenamtliche Arbeit. Im Jahr 2014 haben sie 26 664 Stunden oder 1111 Tage Dienst gemacht. Dabei haben sie auf den maximal vier Leitungen mehr als 62 000 Anrufe entgegengenommen. Es sind einsame Menschen, die anrufen,
berichtet Krischan Johannsen, der Leiter der evangelischen Telefonseelsorge. Menschen, die an seelischen Erkrankungen leiden – das macht etwa ein Drittel der Anrufe aus. 20 Prozent klagen über körperliche Beschwerden, besonders Schmerzpatienten rufen häufig an. 6000 Anrufer wiederum berichten über Krisen in der Familie, in Beziehungen und nach Verlust des Arbeitsplatzes. Etwa neun Prozent der Anrufer denkt ernsthaft darüber nach, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Von den 62 000 Anrufen im vergangenen Jahr haben  nicht alle zu ernsthaften Gesprächen geführt. Immerhin waren es aber noch 45 000. Etwa ein Viertel davon sind Erstanrufer. Die anderen Anrufe  kamen von Menschen, die sich über einen gewissen  Zeitraum regelmäßig melden. Die Leitungen haben auch ihre Grenzen: Nur jeder achte bis zehnte Anrufer kommt durch.

Johannsen kann es nicht mit Zahlen belegen, aber „gefühlt“ nähmen die Anrufe mit dem Thema Sui­zid zu. Mit Sorge betrachtet er auch das Thema Selbstverletzung bei jungen Menschen. Zwar scheint deren Zahl von 300 Anrufern an den beiden Telefonseelsorgestellen nicht besonders hoch, doch Johannsen findet sie alarmierend, wenn man weiß, wie schambesetzt dieses Thema bei Jugendlichen ist.

Für viele Menschen mit seelischen Problemen ist das Gespräch mit der Telefonseelsorge die erste Anlaufstation – und umso wichtiger, wenn man weiß, wie lange es dauern kann, bis man einen Termin bei einem Therapeuten bekommt. „Damit decken wir einen Bereich ab, den das Gesundheitssystem gar nicht bearbeiten kann“, sagt Johannsen. Als „niedrigschwelliges psychologisches Basisangebot“ bezeichnet es Martina Rudolph-Zeller, die stellvertretende Leiterin der evangelischen Stelle.

Es sei das Highlight ihres Lebens, sagt die Frau im Ruhestand, die seit zwei Jahren ehrenamtlich in der Telefonseelsorge arbeitet. Die Aufgabe sei so erfüllend: „Die Zuwendung zu anderen gibt unheimlich viel zurück“, sagt sie. Ihre Kollegin, eine jüngere Frau, die nach einer Krankheit eine neue Aufgabe gesucht hat, ist seit fünf Jahren dabei. Sie habe in vielerlei Hinsicht nur von ihrer Aufgabe profitiert. sagt sie.  Die Telefonseelsorger werden akribisch auf ihre Aufgabe vorbereitet. Schließlich haben die Ehrenamtlichen in aller Regel keine therapeutische Ausbildung. 300 Stunden verteilt auf zwei Jahre dauern die Vorbereitungen.

„Selbsterfahrung ist ein zentraler Punkt in der Ausbildung“, sagt Martina Rudolph-Zeller. Die Ausbildung sei kein Spaziergang: „Man wird auch mit seinen eigenen Abgründen konfrontiert.“ In der Vorbereitungszeit lernen die künftigen Ehrenamtlichen, wie sie Gespräche führen, wie sie Sensibilität für ihr Gegenüber aufbauen, sie lernen Empathie zu entwickeln, ohne die Distanz zu verlieren. Sie lernen, Menschen dabei zu unterstützen, selbst Lösungen für ihre Krisen zu entwickeln. In der Arbeit selbst sind Supervisionssitzungen eine Stütze für die Telefonseelsorger. „Diese Menschen machen eine so wichtige Arbeit, aber das müssen sie geheim tun“, sagt Johannsen. „Das muss man aushalten können.“ Nur der engste Familienkreis weiß über die Tätigkeit eines Telefonseelsorgers. Damit soll zum einen verhindert werden, dass Anrufer Hemmungen entwickeln, weil sie den Seelsorger kennen. Zum anderen werden die Berater vor eventuellen Gewalttätern geschützt. Auch der Ort der Telefongespräche ist geheim.

Beide Stellen suchen weitere ehrenamtliche Mitarbeiter – nicht zuletzt auch, weil das Angebot des Seelsorge-Chats ausgebaut werden soll. Die nächste Ausbildung beginnt im Juni 2016. Bewerbungen können über die Homepage eingereicht  werden. Beide Anlaufstellen finanzieren sich zu einem großen Teil über Spenden. Bei der evangelischen Beratung beträgt das Budget 330 000 Euro, 200 000 sind finanziert, der Rest muss über Spenden fließen.    bob

 

Info: Telefonseelsorge Stuttgart t 08 00/1 11 01 11 oder 08 00/ 1 11 02 22, Bewerbungen  über www.telefonseelsorge-stuttgart.de.


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