Zu gut für die Tonne

Die „Foodsharing“-Idee verbreitet sich auch im Landkreis  – Aktionen in Kirchheim, Wendlingen und Esslingen

Insgesamt 27 646 Kilogramm Lebensmittel wurden in 1513 „Rettungseinsätzen“ vor der Tonne bewahrt –  das ist die „Foodsharing“-Bilanz in Kirchheim. Seit dem Jahr 2015 werden dort Lebensmittel gerettet, deren Verpackung beschädigt ist, die zu viel produziert wurden, nicht mehr zu den üblichen Zeiten verkauft werden können oder deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Elf Kooperationen mit Supermärkten, Bäckereien, Bioläden oder auch Obst- und Gemüsehändlern gibt es in der Teckstadt; die Lebensmittel werden wöchentlich von sogenannten Foodsavern abgeholt. In Corona-Zeiten natürlich mit Schutzmaske, Handschuhen und dem erforderlichen Abstand.

Foodsaver beziehungsweise Lebensmittelretter wird man, wenn man auf der Homepage der Initiative zunächst ein Quiz besteht, bei dem viel Hintergrundwissen abgefragt wird. Anschließend absolviert man drei „betreute Einführungsabholungen“ bei kooperierenden Betrieben. Erst danach wird ein Ausweis ausgehändigt, mit dem man eigenständig zu den vereinbarten Zeiten Lebensmittel bei den Kooperationspartnern retten darf. Wer Foodsaver werden möchte, muss keine Bedürftigkeit vorweisen.

Die  36-jährige Sozialpädagogin Maria ist bei der Initiative im Bezirk Kirchheim die Botschafterin und Betriebsverantwortliche, sie koordiniert die Abholungen. Maria betont, dass bei den Aktionen der Aspekt der Nachhaltigkeit im Vordergrund stehe. Es gehe darum, noch genießbare Lebensmittel zu verwerten. Seit August gibt es zudem an der Sultan-Ahmet-Moschee einen Schrank, in dem die geretteten Lebensmittel für alle zugänglich aufbewahrt werden. Zudem läuft eine Anfrage an die Stadt bezüglich der Aufstellung eines Kühlschranks, sodass die Lebensmittel in naher Zukunft dort auch kühl gelagert und gratis abgeholt werden können.

An einem Samstag wird in Kirchheim auf dem Markt bei einem Obst- und Gemüsehändler das eingepackt, was bis zum Verkaufsschluss nicht über die Ladentheke ging: Paprika, Schnittlauch, Tomaten, Auberginen und anderes Gemüse. Dann geht es ein paar Schritte weiter zum mobilen Holzbackofen von Familie Müller. Uwe und Gabi Müller geben gerne das her, was nicht verkauft werden konnte; dieses Mal sind es Kümmelbrot, Zwiebelbrot und Speckknautzen. Das Ehepaar ist seit November 2019 überzeugter Foodsharing-Kooperationspartner. Die dahinter steckende Idee sei sehr gut, Müllers loben auch den sozialen Aspekt. Zu viel Produziertes hat das Paar früher selbst als Knödelbrot verarbeitet, in der Nachbarschaft verteilt oder als Futter für Fische verwertet. Doch gerade für Letzteres seien die Lebensmittel  nicht gedacht.

Der 24-jährige Sem Schade ist seit drei Jahren dabei und Foodsharing-Botschafter für den Bereich Wendlingen: „Ich finde, das ist eine Win-Win Situation: Man tut der Umwelt etwas Gutes, rettet Lebensmittel und spart nebenbei Geld.“ In Wendlingen gibt es Kooperationen mit vier Betrieben, unter anderem einem Feinkostladen und einer Tankstelle. „Für uns ist es wichtig, dass wir bei den Abholungen zu 100 Prozent zuverlässig sind und die Kooperationen auch verbindlich einhalten. Leider ist es immer nur die Spitze des Eisbergs, die wir bei den Aktionen retten können“, sagt Schade. Die Lebensmittel landen in einem „Fair-Teiler“, einem öffentlich zugänglichen Schrank in der Brückenstraße. Die Biotonne daneben hat die Stadt kostenfrei zur Verfügung gestellt.

In Esslingen gibt es aktuell 21 Kooperationen, bei denen bisher in 9263 Einsätzen 85 803 Kilogramm Lebensmittel gerettet wurden. In der Friedensstraße und in der Flandernstraße gibt es öffentlich zugängliche „Fair-Teiler“.  aro / foto: aro

Info: Näheres, auch das Quiz für Einsteiger, ist unter www.foodsharing.de zu finden.


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